Wie erklärt man einem Blinden eine Farbe? Diese Frage haben wir uns gestellt, und das Ganze auf Lifestyle, Kultur und Fußball bezogen. Geht nicht? Geht doch! Dafür haben wir Lebemann, einen Schweizer Hooligan mit englischem Verein getroffen, der sein recht eigenes Hobby in Einklang mit Beruf und Familie bekommt. Eine verrückte Story? Und Ob!

Für Leute aus der Szene bist du eine Ikone, für andere ein Idiot. Wie wird man zu einem Fußballschläger?

Das mit der Ikone lass‘ mal stecken. Wo viel Licht ist, da ist auch viel Schatten. Aber wie du schon sagtest: für die einen dies, für die anderen das. Ich denke du brauchst eine gewisse Portion Grundaggression in dir drin, eine gute Priese Abenteuerlust und nicht ganz dicht sein im Kopf darfst du auch nicht.

Ok, fangen wir anders an. Wie bist du zu „deinem Club“ Millwall FC gekommen?

Ich wusste damals nach dem Schweizer Pendant zum Abitur nicht so recht was ich machen soll. Da habe ich mich kurzerhand für einen Sprachaufenthalt angemeldet. Nach zwei Wochen Schule war mir das dann zu blöd. Ganz der Entrepreneur, suchte ich mir einen Job und landete ohne jegliche Vorkenntnisse bei einer Kaffeekette, wo ich den Barista mimte. Aus anfänglich 3 wurden so rasch 12 Monate Aufenthalt, den ich bei einer Gastfamilie absolvierte. Der Gastvater war Millwall Fan und nahm mich dadurch anfangs zu ein paar Spielen mit. Mit der Zeit habe ich mir dann meinen eigenen Freundeskreis gesucht und bin mit den „Lads“ zu den Spielen gefahren.

Hattest du die Ängste, dass sich dieser „Way of Life“ negativ auf dein Privatleben auslegt?

Früher weniger als heute. Heute habe ich einen Kader Job und da musst du dich halt erklären, wenn dein Vorstrafenregister wie eine Telefonbuchseite aussieht. Aber damals, als man noch so richtig auf die sprichwörtliche Kacke gehauen hat, dachte man in der Kurzsichtigkeit der Jugend nicht an solcherlei Konsequenzen. Daher beeinflusst mich mein Lebenswandel in gewisser Weise mitunter doch etwas und schränkt mich somit auch ein.

Gab es jemals Konsequenzen, die dein Leben beeinflusst haben?

Ich habe eine Reihe gut bezahlter Jobs direkt oder indirekt wegen meiner Verfehlungen beim Fußball verloren. Außerdem waren meine Beziehungen mit Frauen auf Grund dessen ebenfalls etwas vorbelastet. Wenn du Unterwegs alles vögelst was nicht bei drei auf den Bäumen ist, dann bekommst du halt deine Quittung.

Wie kombiniert man Familie, Beruf und diesen Lifestyle?

Man arrangiert sich irgendwie damit und redet sich im Falle eines Falles meist um Kopf und Kragen.

Ist das nicht eine Art Doppelleben?

Und was für eins. Meist ist es eine regelrechte Gratwanderung zwischen Assi- und Spießbürgertum. Ich habe dem Thema im Übrigen eine Kolumne gewidmet.

Was sagst du anderen, wenn die dich nach dem Sinn fragen?

Was Sinn und Unsinn darstellen soll, darüber sollen sich von mir aus die selbsternannten Philosophen dieser Welt streiten. Mir hat dieses Leben bis jetzt mehr Freud als Leid bereitet und ich bin der Meinung, dass ich ohne den Fußball nur halb so viele Länder bereist, Leute kennengelernt und gevögelt hätte. Frei nach Casper: „Der Sinn des Lebens ist leben!“

Hooliganismus und Mode, genau die Casual Culture, gehören zusammen, wie Tag und Nacht. Warum ist der Style so wichtig?

Früher war das eine Art „Peacocking“ – zeigen was man hatte und sich somit wenigstens einen Tag in der Woche von seiner Unterprivilegiertheit abzugrenzen. Hooligans stammen nun mal vermehrt aus der klassischen Arbeiterklasse. Früher war nicht „gefühlt“ jeder Student, es waren Jungs aus dem Leben, die sich auch einen Tag in der Woche ihr Stück Kuchen gönnten. Heute, wo es fast keine sozialen Klassen in dem Sinne gibt, sondern etwas überspitzt nur noch Arm und Reich, ist es tatsächlich mehr ein Statement gegenüber sich selbst und ein Zeichen der Gruppenzugehörigkeit. Heute ist es Subkultur.

Welche Marken sind deine Favourites?

Ich mochte die Ende 90er und 00er Jahre mit der ganzen Sportswear Schiene, die ja gerade ein Revival in der Popkultur feiert. Will heissen: Stone Island und C.P. Company, aber auch Prada und zum Beispiel Paul & Shark fand ich immer ganz cool. Heute trage ich lieber dezent mal etwas von Engineered Garments, Beams Plus oder Nanamica. Alles Marken die im deutschsprachigen Raum noch eher unbekannt sind.

Über all das berichtest du regelmäßig bei den Kollegen von VICE oder auf deinem FB-Profil. Wie gehst du damit um, dass du einen gewissen Kultstatus besitzt?

Wer mich kennt weiß, dass ich ein sehr umgänglicher Typ bin, mit dem wohl jeder gern mal ein Bier trinken würde und ein wenig über Gott und die Welt plappern möchte. Die Fame-Sache war mir anfangs schon auch wichtig als ich jünger war. Mittlerweile schäme ich mich jedoch eher, wenn ich z.B. in Wuppertal – no offence – auf der Strasse angesprochen werde oder Zivilpolizisten meinem Schwiegervater Grüße für mich ausrichten. Aber das sind nun mal die Geister die ich rief.

Zum Abschluss: Was waren deine krassesten Auswärtsfahrten?

Da gibt es einige die in Erinnerung geblieben sind, positiv wie negativ „krass“. Ich könnte jedoch keine Rangliste erstellen. Ich schreibe lieber die Anekdoten darüber.

Was ist dieses Jahr noch an Events geplant?

Da sich mein Lebensmittelpunkt etwas verschoben hat und ich es ruhiger angehen lasse habe ich noch keine konkreten Pläne. Ein paar Mal Millwall, vielleicht irgendwann mal wieder hier in der Schweiz etwas auf die Kacke hauen – we will see.

 

Das Doppelleben – Lebemann und Hooligan – STATEMENT